In einem Interview des Kunstmagazins Monopol spricht der Direktor des Hauses der Kunst in München, Chris Deacon, über die prekären Lebensumstände von Künstlern und Kreativen. Und er tut dies in expliziter Weise: "Man spricht von creative industries, aber das ist nur ein Trick, um das ökonomische Modell der kostenlosen Arbeit salonfähig zu machen." Unbezahlte Arbeit werde dementsprechend zum Standard: "Diese Gruppe wächst an, und man hofft, dass sie selbst nicht erkennt, wie groß sie ist. Dass sie sich selbst weiter ausbeutet unter dem Schirm von Events, Kongressen, Partys und so weiter."Aber: "Was passiert, wenn sich diese Tausenden von Selbstausbeutern und Enthusiasten, die an ihrer Disponibilität leiden, an den 24 Stunden pro Tag im home office, in ein ökonomisches Modell eingepasst werden?" ... es passiert nichts anderes, als dass immer weniger Zeit bleibt, um sich an akuten Themen künstlerisch abzuarbeiten. Wann denn? Es muss ja Geld verdient werden: "Kultur wird nicht mehr als gesellschaftlicher Gegenentwurf eingesetzt, weil die Kultur sich nicht mehr auseinandersetzt mit einer traditionellen Form von Potenzialität: Unsicherheit, Angst und so weiter, das sind keine Themen mehr." Die Kreativstadt Berlin ist unter diesem Gesichtspunkt irgendwie auch nicht mehr so aufregend. Außer für Touristen: "Der Wowereit-Slogan „Arm, aber sexy“ könnte schnell zu einem „Arm, aber noch am Leben“ führen".Deacon findet dann noch ein anschauliches Bild für all die ruhelosen Künstler und Kulturschaffenden, die es irgendwie nicht geschafft haben und als tragische Gestalten durch die Welt wandeln: "Wenn ich an Geister oder Zombies denke, denke ich an ältere, erfolglose kreative Individuen wie Schriftsteller, DJs, Webdesigner oder Innenarchitekten." Soweit will er es aber nicht mehr kommen lassen: "Irgendwo muss man anfangen, wenn man kein Zombie werden will ...". Und ruft zum Mini-Streik auf: "Man muss auch mal lernen, Nein zu sagen, die Disponibilität infrage zu stellen. Nein zu kostenlosen Katalogtexten, obwohl hundert andere es machen. Oder Schlaf als eine Art Subversion". Selbstverweigerung scheint der letzte Ausweg zu sein, und ein einfaches NEIN kann doch nicht so schwer sein. Oder doch? "Warum fallen eigentlich alle vom Stuhl, wenn man das sagt?" fragt Deacon sich im letzten Satz des Interviews. Und ich frage mich das auch.
Visit our partner sites
Mach mit! Thing Frankfurt lebt und arbeitet für Dich und durch Dich. Melde Dich als User auf diesen Seiten an und beglücke uns mit Deinen Beiträgen. Zur Registrierung
Abboniere die Thing Mailingliste, bleibe auf dem Laufenden und tausch Dich mit anderen aus. Zur Mailingliste
Unterstütze Thing Frankfurt mit einer Geldspende oder dem Kauf eines coolen T-Shirts.