20. Nov. 2017, 09:31

Wegen Adorno

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Wegen Adorno (ein Sampler), 1998

Ich bin gekommen, um Ihnen die kulturellen Krisen zu vermitteln.
Nicolaus Schafhausen

Sehr geehrte Damen und Herren,

neulich erklärte der bekannte Posaunist und Einpeitscher des Ensemble Modern, Heiner Goebbels, auf die eklektische Natur seines Werkes "Eisler-Material" befragt, auch Hanns Eisler (1898-1962), Schöpfer der DDR-National-Hymne, habe schon gesamplet. Diese Auskunft ist freilich nicht erschöpfend. Mich interessiert dabei vor allem: Welchen Sampler hat Eisler eigentlich benutzt? Ich meine: welches Modell? Moderne elektronische Tanz-Musik geht von der Erfahrung aus, daß ihre maschinelle Grundlage konstitutiv für das klangliche Ergebnis ist. Obwohl alle Sampler auf der Grundlage festgelegter Normen zur Digitalisierung von Audiomaterial arbeiten, erwirkt ihr innerer Aufbau und die Auswahl ihrer Bauteile und Schaltungsprinzipien eine Verschiedenheit der gespeicherten Samples. Ein Emu klingt daher anders als ein Akai, und ein Roland anders als ein Yamaha. Aber das sind mitlerweile Binsenwahrheiten. Eisler, als er damals (wahrscheinlich gerade Goebbels) samplete hatte mit Sicherheit nur einen Sampler. DEN Sampler.

Adorno, wegen dem hier die Rede sein soll, hatte keine Ahnung vom Samplen, viel mehr dagegen vom Campen:

Camping - in der älteren Jugendbewegung liebte man zu kampieren - war Protest gegen bürgerliche Langeweile und Konvention. Man wollte heraus, im doppelten Sinn. Das Unter-freiem-Himmel-Nächtigen stand ein dafür, daß man dem Haus: der Familie entronnen sei. Dies Bedürfnis ist nach dem Tod der Jugendbewegung von der Campingindustrie aufgegriffen und institutionalisiert worden.

Es gibt kein richtiges Sample im falschen.

Adorno, der den Begriff der "Kulturindustrie" prägte, kannte sich durch sein amerikanisches Exil auch mit der Lebensweise der amerikanischen Junggesellen aus. Dadurch leistete er einen entscheidenden Beitrag zur Theorie der Club-Kultur.

Archetypisch dafür ist der gut Aussehende, der im Smoking, spät abends, allein in seine Junggesellenwohnung kommt, die indirekte Beleuchtung andreht und sich einen Whisky-Soda mischt: das sorgfältig aufgenommene Zischen des Mineralwassers sagt, was der arrogante Mund verschweigt; daß er verachtet, was nicht nach Rauch, Leder und Rasiercreme riecht, zumal die Frauen, und daß darum diese eben darum ihm zufliegen. Das Ideal menschlicher Beziehungen ist ihm der Klub, die Stättes eines auf rücksichtsvoller Rücksichtslosigkeit gegründeten Respekts...

Einmal war ich in einer coolen Location, der ein goldbraunes Kornfeld gegenüberlag, das reich mit wildem, scharlachrotem Mohn übersät war. Zur anderen Seite hin lag sie direkt an einer Straße ohne Bürgersteig. Die Straße grenzte direkt an die Türschwelle. Ein reicher Ausgleich dafür war die Rückseite mit einem großen Garten, in dem auch Apfelbäume wuchsen. Auf einer Steintafel in diesem Garten war eine schlichte Inschrift eingeritzt:"Unsere Nelly". Es stellte sich heraus, daß die Betreiber vor Jahren hier eine herrenlose Hündin ohne Halsband gefunden hatten. Sie versuchten ohne Erfolg, den Eigentümer ausfindig zum machen, und so gehörte Nelly zu ihnen.

"Diese Hündin war ohne jeden Fehler", erzählte mir der Betreiber immer wieder. Ihre größte Freunde waren Sonntagsspaziergänge, bei denen sie mit ihrem Herrchen über die Felder, durch die Wälder und auf einsamen Wegen lief. Während der Woche hatte er wenig Zeit für Spaziergänge, aber egal, ob es regnete oder die Sonne schien: der Sonntag war Nellys Tag. Sie kannte jedes Kaninchenloch und die Verstecke, in denen Ratten hausten. Selten wagte sie sich alleine auf die Hauptstraße, doch eines Tages, an ihrem letzten auf Erden, trottete sie auf der Straße, als ein Auto heranraste. Sie war auf der Stelle tot.

Nun ist Nelly glücklich auf den Feldern und Wiesen des Himmels und fragt sich, wann wohl ihr Herrchen heimkommt, um sie auf ihren Wegen zu begleiten. Nur ihr Körper ist im Obstgarten begraben. Aber wenn man in der Location von ihr redet, spitzt sie die Ohren, springt herbei und sitzt bei ihren Leuten, folgsam wie eh und je, doch natürlich unsichtbar für sie. Während sie von ihr erzählten, sah ich sie zum ersten Mal. Was für ein herrliches Geschöpf! Ich berichtete ihnen von Nellys Anwesenheit, aber vermutlich glaubten sie mir nicht ganz. Doch wenn sie eines Tage auch dorthin gehen, wo sie ist, werden sie begreifen, daß das Leben unsterblich ist. Jeder Teil des Lebens gehört zur Unendlichkeit des Reiches Gottes. Pater Aderely aus Birmingham bezeichnete einst den Menschen als "schmutzigen Goldsucher". Nun, wenn solche Widerlinge überleben, wieso dann nicht auch Nelly? Und wenn Nelly, warum dann nicht auch das liebe Geschöpf, das sie selbst vielleicht verloren haben?

C.Korn, der das Ensemble Modern als "selbstverwaltetes Spitzen-Ensemble" bezeichnete, sagte auch: Seit das Bildungsbürgertum sich selbst als Begriff faßt, hat es das ungestillte Bedürfnis nach Geschichte.

C. Korn ist für mich der wichtigtste und bedeutsamste Denker in Frankfurt seit Theodor W. Adorno. Ein Gott.

Andere GöttInnen sind für mich O. Augst, M.Ehinger und S.Zimmermann.

Ich bin ein Über-Gott.

Mit der »Panzerschlacht« hat es folgendes auf sich: Korn hat unbedingt recht. Seit ich neulich Heiner Goebbels Eislermaterial gehört und miterlebt habe, wie das Publikum jubelte und tobte, ob dieses Produktes, da dachte ich mir, das kannst du auch, und viel besser.

Gerade als die Polizei begann auf die DemonstrantInnen einzuprügeln, kam Achim Wollscheid (ein Gott) auf dem Fahrrad vorbeigefahren und rief: Das ist kritische Theorie! Das ist kritische Theorie!, wobei er offen ließ ob er das Ereignis selbst, oder seine Äußerung meinte.

Du gibst mir viel.

Adorno hatte keinen Humor. Als 1968 kritische StudentInnen das Institut für Sozialforschung besetzten, rief er die Polizei.

Beuys hatte mehr Humor. Als das gleiche in der Düsseldorfer Kunstakademie geschah, gründete er die Deutsche Studentenpartei und erklärte, die meisten Mitglieder wären Tiere.

P. Sloterdijk erinnert an einen Vorfall in Adornos Vorlesung. Studentinnen entbößten wortlos ihre Brüste vor Adorno. Kurze Zeit später ist er gestorben.

Stefan Beck: Herr Corts, sie waren im letzten Jahr dafür verantwortlich, daß die Polizei eine friedliche Demonstration gewaltsam auflöste, wahllos auf Unbeteiligte einprügelte und mehrere Dutzend Personen festnahm. Das hat Ihnen bisher nicht geschadet. Im Gegenteil. Mit etwas Glück könnten Sie bis 2050 der wichtigste Mann in Frankfurt werden.

Udo Corts: Sie fragten mich: "Auf welche Weise läßt sich dem Wort Humanismus ein Sinn zurückgeben?" Ich frage mich, ob das nötig ist.

Stefan Beck: Sie fragen sich, ob das nötig ist?

Udo Corts. Ja, ich frage mich, ob das nötig ist.

Stefan Beck: Sie fragen sich, ob das nötig ist?

Udo Corts. Ja, ich frage mich, ob das nötig ist.

Stefan Beck: Sie stellen die Frage, ob das wirklich nötig ist.

Udo Corts. Gewiss, ich stelle die Frage.

Stefan Beck: Sie fragen sich, ob das wirklich nötig ist?

Udo Corts: In der Tat, ich stelle die Notwenigkeit in Frage.

Stefan Beck: Sie stellen die Notwendigkeit in Frage.

Udo Corts: Ja, ich frage mich, ob das wirklich nötig ist.

Stefan Beck: Ob das nötig ist?

Udo Corts: Ja, ist es wirklich nötig?

Stefan Beck: Ich meine, sie stellten sich die Frage, ob das wirklich nötig ist?

Udo Corts: Nein, ist es denn wirklich nötig?

Stefan Beck: Ist es wirklich nötig, das es nicht nötig ist?

Udo Corts: Ich frage mich, ob das wirklich nötig ist.

Udo Corts: Der Mensch verharrt in der Seinsvergessenheit.

Udo Corts: Oder ist das Unheil, das alle Titel dieser Art anrichten, noch nicht offenkundig genug?

Die Programmkommission

Die Programmkommission hat folgende Aufgaben:

Sie koordiniert die Sendezeiten der einzelnen Teilnehmer gemäß dem Programmschema.

Sie achtet auf die Wahrung der Pluralität und Vielfalt bei den Programminhalten und der Zusammensetzung der programmgestaltenden Gruppen und Personen.

Sie achtet auf die Einhaltung und Verwirklichung der Programmgrundsätze von Radio X.

Sie achtet auf die Kontinuität der Qualität im Programm und fördert insbesondere die Entwicklung neuer Hörformen und zeitgemäßer Radiokultur durch Einräumen von Sendezeit.

Sie entscheidet mit dem Vorstand über die Aussetzung von Sendungen bei Verstößen gegen das Radiostatut und Gesetze.

Es ist grausam, wenn man sieht, wie Menschen würdelos Tiere hinschlachten.

Es ist grausam, wie Menschen sich Tieren gegenüber benehmen.

Ilse, Dein Karma hat sieben Meter Durchmesser erreicht.

Ein Hund weiß es sowieso besser als sein Herrchen, aber Herrchen hat nicht genug Gefühl und nicht genug Verstand. Deshalb muß die Intelligenz des Hundes über labile Menschen gesetzt werden. Es gibt in Zukunft kaum noch Fleisch, daß man essen kann. Obst und Gemüse kann man besser anbauen als Tiere züchten. Man kann Menschen mit Obst und Gemüse gesünder ernähren. Mit Ilse werdet ihr lernen, kein Fleisch mehr zu essen. Menschen, die sich heute schon zum Prinzip gemacht haben, kein Fleisch zu essen, sind schon glücklicher dran als alle Fleischesser.

Ilse zum Beispiel kommt Nacht für Nacht aus dem Ostklub nach Hause. Wir kommen sie auch immer holen, damit sie schneller da ist. Es kann sonst auf dem Weg hierher folgendes passieren: Menschen von negativer Ausstrahlung sind an ihrer Seele interessiert. Sie ist das Kostbarste, was wir zur Zeit besitzen im Himmer sowie auf Erden. Also Vorsicht, ihre Bewachung ist kolossal.

Es ist genug.

Was wollt ihr noch?

10 min Pause.

Nina starb am Ende eines abenteuerlichen Lebens. Schon nach ein paar Tagen erschien sie in meinem Studio und erzählte mir ihr erstes Erlebnis in der feinstofflichen Welt. Schon beim Eintreten sah sie Bert, der früher jahrelang Club-Macher war. Zur Begrüßung hatte er ihre geliebte Autechre-CD mitgebracht. Nina hatte früher nie begriffen, in welch hohem Maße die Liebe Gottes menschliche Maßstäbe übersteigt. Denn es war ER, der das Jenseits schuf, und sein ganzes Werk ist vollkommen. Wenn wir jedoch unsere Zivilisation betrachten, können wir so lange an dieser Wahrheit zweifeln, bis wir erkennen, daß wir und nicht ER unsere heutige Welt größtenteils gegen seine Willen zu dem gemacht haben, was sie ist.

Was hast du mir getan?

Chor der frechen Schulmädchen (sehr girliehaft): Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000, Adorno2000. (Langsam ausklingend.) (Schluß)

Mega mega mega mega mega mega mega Kult!

© The Thing Frankfurt 1998

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